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Yoga und Askese

„Wahre Entsagung ist nicht der Verzicht auf irgendein ‚Ding‘, sondern das Loslassen der ‚Dinghaftigkeit‘ in den Dingen, der ‚Objektheit‘ in den Objekten, der Äußerlichkeit in Erfahrungen und der ‚Projiziertheit‘ im Bewusstsein.“

Svami Krishnananda, der Aufstieg des Geistes

Aus diesem Dreizeiler scheint die Essenz der Vedanta-Philosophie. Hier wird die Frucht eines verfänglichen Gedankenkonstrukts geschält, übrig bleibt der Kern.

Es geht um Entsagung, auch um Askese. Im Yoga werden wir viel zum Verzichten aufgerufen. Yoga praktizieren bedeutet auf Fleisch, Drogen und Alkohol zu verzichten. Bewusst und besoffen sein verträgt sich einfach nicht gut. Fleischkonsum setzt eine Verdrängung voraus. Wir verdrängen, dass wir getötet haben, wir ignorieren die Qualen, die wir einem anderen bewussten Leben zugefügt haben.

Sattva, Mauna und Brahmacharya

So weit so gut. Die Yogaschriften rufen uns aber dazu auf, auf weit mehr zu verzichten, als auf die groben Feinde der physischen und psychischen Gesundheit. Wir sollen auf träge machende und aktivierende Nahrungsmittel verzichten (sattwig essen), auf Geschwätzigkeit und überflüssige Worte (Mauna halten), irgendwann auch auf Sex (Brahmacharya). Doch diese Formen des Verzichtens bergen Tücken und Fallstricke. Denn auch Askese kann zur Sucht werden. Die Verdrängung vorhandener Bedürfnisse hat nichts mit Bewusstheit zu tun.

Wie jede Handlung ist auch das Verzichten nur ein Symbol einer inneren Haltung. Und wie bei allem, was wir tun, lohnt es sich auch beim Verzichten immer wieder zu fragen, wie wir verzichten. Mit yogischer Gleichgültigkeit? Verzichten wir auch auf den Erfolg beim Verzichten? Oder schmücken wir uns mit unseren asketischen Leistungen? Ersetzen wir unsere angehäuften Reichtümer mit zur Schau gestelltem Minimalismus und unsere schlechten Angewohnheiten durch Besserwisserei, mag im Außen viel Veränderung stattgefunden haben, im Inneren hingegen ist wenig passiert. Wir haben die Verhaftung an ein „Ding“ durch die Verhaftung an ein anderes „Ding“ ersetzt.

Asanas, Pranayama und Meditation

Wie aber wird die Dinghaftigkeit der Dinge, die Objektheit in den Objekten losgelassen? Wie kommen wir von der Äußerlichkeit in Erfahrungen zur Einheit, von der Projiziertheit im Bewusstsein zur Wahrheit? Die ehrliche Antwort lautet wohl: In diesem Leben vermutlich gar nicht. Und doch können wir diesem Zustand näherkommen oder zumindest etwas dafür tun, um ein Näherkommen zu ermöglichen: Yoga praktizieren. Asanas, Pranayama, Meditation, Karma Yoga – all diese Praktiken helfen uns, unsere Verhaftungen und Projektionen zunächst zu erkennen und uns irgendwann von ihnen zu lösen. Nebenbei führen sie dazu, dass wir Angewohnheiten, die uns und anderen nicht guttun, aufgeben. Dabei haben wir aber nicht das Gefühl zu verzichten, sondern zu gewinnen.


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